Bergzeit Kletterteam

Klettern – inspired by nature

“Jenseits von Afrika” (8+/16 SL)/ Gamsjoch-Nordwand im Karwendel

Nachdem draußen gerade nicht viel geht (weil ich lernen muss), bleiben mir momentan nur die schönen Erinnerungen an den vergangenen Sommer – vor allem an die zwei Wochen Alpintouren mit Tom. Mitte August  nahmen wir uns nochmal eine Mulitpitch-Route im heimatlichen Karwendel vor. Dass die Tour so super wird – in jeder Hinsicht -,  hätte ich vorher nicht geglaubt. Nach meiner ersten alpinen Mehrseillängen-Route am Laliderer Falk rechnete ich mit dem gleichen brüchigen Kalk, aber dieses Mal war´s anders:

Am Abend zuvor (wir kamen gerade vom Oberreintal “Himbeertoni”, )  ließen uns noch Gewitter und Starkregen zweifeln, ob die Wand überhaupt trocken wäre. In der Früh am Ahornboden war dann kein Wölkchen mehr zu sehen.

Großer Ahornboden in der Eng, im Hintergrund Spritzkarspitze und Grubenkar

Schon der Sonnenaufgang über dem Enger Grund war wie im Kalender: unten die Bergahorne im Nebel, oben die Gipfel von Spritzkar und Gamsjoch im wirklich goldenen Sonnenlicht.

Der Zustieg und die Nordwand im Morgenlicht

Die Szenerie war überwältigend – ich hätte noch viel länger fotografieren können, aber Tom drängte zum raschen Aufbruch (mit Recht, denn die Tour zog sich…). Vom Parkplatz in der Eng ging´s erst mal über die Wiesen zu dem Bach, der aus dem Tränklkar, dem Kar unter der Nordwand, kommt. Auf der orografisch (in Fließrichtung gesehen) rechten Bachseite stiegen wir über ziemlich ausgesetztes Schrofengelände (I) auf den Abbruch des Ostgrates zu. Dann quert man schräg nach rechts, überquert den Bach oberhalb der Wasserfälle und steigt auf der orografisch linken Bachseite nach oben (über Schrofen, Platten oder im Bachbett selbst). Nach ungefähr 150 m geht´s wieder nach links auf die andere Bachseite.

Trittsicherheit und Orientierungsvermögen gefragt: der Zustieg

Von hier aus hat man dann die imposante Wand schon im Blick. Über harmlose Schrofen, Wiesen und durch Latschengassen findet man problemlos den Einstieg.

Die Nordwand

Tom in der 1. Seillänge (7)

Die Kletterei begeistert uns gleich von der ersten Seillänge an: bombenfester Fels, absolut perfekte Absicherung mit Bohrhaken. An den Ständen sind immer zwei Bohrhaken (meist ein Ring und eine Lasche).

3. SL

In der 5. Seillänge gibt es eine obere und eine untere Variante. Wir klettern die obere. Das war leider die falsche Wahl:  der Fels ist extrem glatt und staubig. Also: lieber die untere Variante klettern!

Obere Variante in der 5. SL

Die erste schwere Seillänge (8-) ist mehr als gut abgesichert… Jeden halben Meter steckt einen Bohrhaken – der Erstbegeher war ja schließlich solo in einer 8- unterwegs.

Die Schlüsselseillänge (8+) ist eigentlich total geschenkt, bis auf  jene zwei Meter, die die 8+ ausmachen… Hier gilt es, einen sehr abschüssigen Sloper zu halten und an eine kleine Leiste zu schnappen…

Der Rest der Tour verläuft gemütlich, nur in der letzten schweren Länge (15. Seillänge; 8, 6+/A0) muss man ordentlich anziehen. Auch hier macht eine Zwei-Meter-Boulderstelle die Seillänge zu einem Achter. Der Rest ist wiederum ein schöner Sechser an großen Löchern. Man kann in dieser Seillänge Zwischenstand machen, allerdings gibt es dort nur eine Lasche… Wenn man die Seillänge ganz ausgeht, kann die Seildehnung dem Nachsteiger das Leben schwer machen: Gleich vom unteren Stand weg kommt die Boulderstelle; fällt man in dieser, landet man infolge der Dehnung wieder am Standplatz auf einem abschüssigen Band… Der obere Stand hat zwar auch nur einen Haken, der ist aber geklebt.

Tom in den letzten Seillängen

Immer ein paar Schritte voraus: Tom beim Anstieg zum Gipfel

Die Route endet genau auf dem Ostgrat des Gamsjochs. Auf diesem steigt man nun empor, bis es flach wird. Dann geht´s nach links runter in einen Kessel und auf der anderen Kesselseite rechts wieder einen grasigen Rücken hinauf bis zum Gipfel des Gamsjochs. Dort kann man über den Normalweg in eineinhalb Stunden absteigen.

Selbstbewusst und gar nicht scheu: Steinböcke unterhalb des Gamsjoch-Gipfels

Wir hätten es nicht für möglich gehalten: Tatsächlich treffen wir auf dem Weg zum Gipfel noch ein paar Steinböcke, die sich durch unsere Anwesenheit nicht im geringsten gestört fühlen. Bis auf  fünf Meter lassen sie uns heran. Das Ergebnis: schon wieder Fotos wie im Bilderbuch.

Fazit: Karwendel-Traumtour in einer grandiosen Kulisse – der lange Zu- und Abstieg lohnen sich!

Steinböcke am Gamsjoch vor den Gipfeln von Sonnjoch und Hahnenkampl

Blick vom Gamsjoch nach Westen: Blausteigkar und Laliderer Falk

Im Abstieg - Blick zur Lalidererwand mit Herzogkante (rechts)

“Jenseits von Afrika” – die Facts in Kürze:

  • Schwierigkeit: eine SL 8+/eine 8/eine 8-
  • erstbegangen von B. Reinmiedl solo 1995, Schlüsselseillänge mit R. Sussmann
  • Wandhöhe 500 m
  • Material: 14 Expressen, am besten 60 Meter Doppelseil
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