Klettern im Karwendel – “Singletrail” (8-/8) an der Repswand im Hinterautal

Tom Hesslinger und ich möchten heuer endlich das fortführen, was uns vor zwei Jahren geglückt ist: im Sommer all jene Alpintouren angehen, die uns schon lange unter den Nägeln brennen. Meistens macht einem ja das Wetter  einen Strich durch die Rechnung, so dass manche Projekte jahrelang warten müssen…

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Die beeindruckende Repswand im Hinterautal – Klettern im Karwendel auf eine gänzlich andere Art und Weise, wie man sie in diesem Gebirge gewohnt ist…

 

Mitte Juli passte einfach alles für diese Tour: stabiler Hochdruck seit Tagen, nicht zu heiß, nicht zu kalt, keine Gewitter, keiner ernsthaft krank (nur Halsweh), verletzt oder durch Arbeit verhindert. Bei diesen Bedingungen müssten auch Karwendel-Nordwände trocken sein.  Ziel sollte die Repswand  im oberen Teil des Hinterautals sein. Ich habe sie schon als zehnjähriges Kind ehrfürchtig von unten betrachtet und gerätselt, ob sie bisher schon irgend ein Mensch bezwungen hatte. Inmitten des brüchigen Karwendelkalks fällt die 250 m hohe, senkrechte, kompakte Wand aus Plattenkalk, glatt und abweisend wie eine Fensterscheibe und scheinbar unbezwingbar, jedem Kletterfreak sofort ins Auge. Vor fünf Jahren fanden Reini Scherer und Dieter Stöhr mehrere geniale Linien, darunter “Singletrail” (8-/8) im linken Wandteil. Seitdem hatte ich mir immer wieder vorgenommen, dem Gebiet einen Besuch abzustatten, aber nie hatte es geklappt. Jetzt war´s soweit.

Das geniale Wetter machte das frühe Aufstehen um halb sechs Uhr morgens einigermaßen erträglich, in einer knappen Stunde waren wir kurz vor Scharnitz. Vom Parkplatz auf der bayerischen Seite der Grenze (keine Parkgebühr!) radelten wir mit den Mountainbikes durch das noch weitgehend menschenleere Hinterautal, vorbei an der inzwischen touristisch vermarkteten Isarquelle (ich kannte sie noch ohne Zaun, Wege und Infotafeln…) zur Kastenalm. Danach noch ein paar Meter weiter bis zu einer Lichtung direkt unter der Wand auf der rechten Seite, dann parkten wir unsere Radl. Nachdem  ich mit dem Biken völlig außer Übung bin, war ich happy, die Strecke  in nur 45 min geschafft zu haben (“So schnell war ich noch nie da hinten!”). Tom erwiderte Tom nur trocken, er sei noch nie so gemütlich gefahren. Danke!

Der Anstieg zum Wandfuß ist genauso komfortabel wie die Anfahrt mit dem Radl: Ein paar Latschen, ein bisschen Geröll, schon steht man nach einer Viertelstunde am Einstieg – und  ehrfürchtig vor einer Plattenflucht, die sich später als ziemlich überhängend erweisen sollte.

 

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Tom in der dritten Seillänge (6+)

 

 

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Die 4. Seillänge ist technisch extrem anspruchsvoll und ist onsight eine echte Herausforderung!

 

Der Einstieg ist gleich gefunden, das Material schnell bereit: 70 m Einfachseil, zwölf Exen, drei Friends für den Ausstiegsriss – ansonsten ist die Tour sehr gut mit Bohrhaken abgesichert, auch die Abseilstellen sind eingerichtet.  Die Tour folgt einer auffallenden geologischen Störung, einer zirka 60 m langen Rampe, die von unten links nach oben rechts zieht. Auf den ersten Blick scheint sie ein einfacher Weg und die einzige Lösung zu sein, diese Mauer zu bezwingen, aber zu früh gefreut: Wie schon Reini Scherer in seiner Beschreibung zutreffend warnt, weiß man nie, ob man oben oder unten klettern, kriechen oder piazen soll.

Die erste Seillänge (6-) ist ein sanfter Einstieg: Mit 15 m eher kurz, der Fels schön rau und griffig, etwas zum Aufwärmen. Danach folgt ein Kaltstart mit einer 30 m-Seillänge im Schwierigkeitsgrad 8-. Trotz kniffligen Einzelstellen und Aufstehern ist sie in Anbetracht der traumhaften Felsqualität ein Genuss.

Danach kommt wieder eine geschenkte Seillänge (7-), gut gegliedertes Gelände, das leider etwas grasig ist.
Mit der 4. Schlüsselseillänge (mit 8-/8 hart bewertet)  betritt man die scheinbar so leichte Rampe, die mir in der onsight-Begehung alles abverlangt hat, zumal sie eher unübersichtlich ist. Die Kletterei empfand ich vor allem fußtechnisch als sehr anspruchsvoll,  dazu kam die Kleingriffigkeit und einige wacklige Einhänger.

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Die knifflige Rampe in der 5. Seillänge

 

 

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In der 5. Seillänge (7-)  neigt sich die Rampe nach rechts. Der Eindruck  auf dem Foto, die Rampe  gleiche einem “Single trail”,  täuscht – auch  hier ist die Kletterei tricky. Die Schwierigkeit besteht vor allem darin, die richtige Linie zu finden. Einmal bietet sich ein Griff bzw. Tritt auf der Rampe, dann wieder in der Wand unterhalb.Das gleiche Problem stellt sich auch in der 6. Seillänge (7/7+), die klettertechnischen Schwierigkeiten auf der Rampe steigern sich sogar noch…

Die letzte, 7. Seillänge (8-)  entspricht in ihrem Verlauf fast komplett der letzten Seillänge der Nachbartour “bike 2 crack”: Man quert vom vierten Haken der 9+ Seillänge nach rechts in die letzte Seillänge  Der beinahe senkrechte Riss verlangt einem am Schluss noch einiges an Moral ab,  der 7. Grad  ist obligatorisch. Zur Schonung der Nerven sollte man ein, zwei mittlere Friends bereithalten. :-)

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7. Seillänge (7+)

 

Beim Abseilen über die Route “bike 2 crack”  (Karabiner an den Ständen, Abseillängen 35 m) wird klar, wie überhängend die Wand in ihrem oberen Teil ist.  Die erfrischende Fahrt mit dem Radl talauswärts entlang der Isar bringt uns eigentlich wieder viel zu schnell zurück in die Zivilisation – und ich hab´eine Tour weniger auf meiner langen Wunschliste.

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Weitere Infos über die Tour und ein Topo gibt´s im panico-Kletterführer “Karwendel”

 

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2 Kommentare

  1. Hey Bene,

    wie ihr da am Berg abhängen und nebenher noch solche Bilder machen könnt… :-D

    Liebe Grüße
    Jochen

  2. Naja Jochen Du musst das so sehen: Wozu gibt es Helmkameras ;) .

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